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Korruption in der Entwicklungszusammenarbeit
Thiel, Reinold E. ; Aschoff-Ghyczy, Christiane ; Doehne, Karin ; Ecken, Clemens
Thiel, Reinold E.
Aschoff-Ghyczy, Christiane
Doehne, Karin
Ecken, Clemens
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1. Abschnitt. Korruption gibt es überall, auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen, auch in solchen der Kirchen. Lange Zeit war es tabu, darüber zu reden. Aber Kirchen haben eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft, deshalb müssen sie auch bei der Korruptionsprävention vorangehen. Dazu kommt, dass die Kirchen künftig über weniger Geld verfügen werden und deshalb ihre Mittel effizienter einsetzen müssen. Ein Weg dazu ist die Bekämpfung von Missbrauch. Dieses Papier befasst sich mit der Korruptionsprävention in den Organisationen der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit. Es beschreibt Schwachstellen und mögliche Einfallstore für Korruption. Alle Beschreibungen beruhen auf Erfahrungen in der Praxis, aber das bedeutet nicht, dass alle Schwachstellen überall anzutreffen sind. Jede der angesprochenen Organisationen wird selbst feststellen, wieweit sie betroffen ist. 2. Abschnitt. Die Arbeitsgruppe „Korruptionsprävention in der kirchlichen EZ“ hat sich die Aufgabe gestellt, kirchliche Organisationen in den Nord- wie den Südkirchen bei der Vermeidung und Bekämpfung von Korruption zu unterstützen. Die Gruppe arbeitet im Rahmen des deutschen Chapters von „Transparency International“. Die Mitglieder der Gruppe haben eigene Erfahrungen mit Korruptionsprävention, insbesondere in der Entwicklungszusammenarbeit der Kirchen. 3. Abschnitt. Korruption hat es zu allen Zeiten gegeben, schon in der Bibel wird sie beschrieben und verurteilt. Die christliche Soziallehre beider Konfessionen leitet aus dem Solidaritätsprinzip und dem Rechtlichkeitsprinzip ab, dass jeder Mensch Verantwortung dafür übernehmen muss, die Korruption zu bekämpfen. 4. Abschnitt. Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zu eigenem Vorteil. Sie kann unterschiedliche Formen annehmen. Unter diesen Begriff fällt nicht nur Bestechung, sondern auch Veruntreuung, Missbrauch anvertrauter Güter, Ämterpatronage und manches mehr. Die verschiedenen Erscheinungsformen von Korruption, wie sie in der Arbeit auch der kirchlichen Hilfswerke vorkommen, werden beschrieben. 5. Abschnitt. Eine Analyse der konkreten Formen von Korruption ergibt, dass sie extern oder intern verursacht sein kann, und dass zu unterscheiden ist zwischen Korruption der Armut, Korruption der Macht und Beziehungskorruption. 6. Abschnitt. Es ist wichtig, die Formen korruptiven Verhaltens nicht als isolierte Einzelerscheinungen zu betrachten, sondern ihren strukturellen Nährboden zu analysieren. Dabei sind falsche Strukturen im Norden und im Süden miteinander verschränkt, vielfach trägt der Norden historische Verantwortung für Fehlentwicklungen im Süden. Mögliche Ursachen im Norden sind unklare Absprachen über die Zielsetzung von Projekten, Mängel und Nachlässigkeiten im Management, das Fehlen von kompetenten und unabhängigen Aufsichts- und Kontrollinstanzen, intransparente Finanzstrukturen und die Unterdrückung von Erkenntnissen aus Sorge um das Ansehen der Organisation, aus falsch verstandener Solidarität oder aus Furcht vor Geberkonkurrenz. 7. Abschnitt. Zu den möglichen Ursachen im Süden gehören das Erbe der Missionen, die die neuen Kirchen auf den Übergang zu selbständigem Management nicht hinreichend vorbereitet haben, die Vermischung der Mittel für pastorale und Entwicklungsarbeit, die eine Versuchung zur Zweckentfremdung der Mittel schafft, das Fehlen von effizienter Finanzaufsicht sowie mangelnde Beteiligung der Zielgruppen mit der Folge mangelhafter Transparenz der Projektdurchführung. 8. Abschnitt. In vielen Organisationen wurden in den letzten Jahren Maßnahmen zur Korruptionsprävention getroffen, die aber häufig nicht ausreichen. Diese Maßnahmen beziehen sich auf Förderund Verwaltungsrichtlinien, Finanzkontrolle, Personalqualifizierung und Aufsichtsgremien sowie auf Verhaltenskodices (die häufig nur deklaratorische Funktion haben). In einigen Fällen gab es Konferenzen zur Diskussion der Probleme, in einigen Fällen wurden Arbeitsgruppen eingerichtet, die Strategien zur Korruptionsprävention entwerfen sollen. 9. Abschnitt. Die Bekämpfung von Korruption und die Einführung von Verhaltensstandards können da, wo sie stattfinden, zu einem Prestigegewinn für die Organisationen führen und können als Qualitätsmerkmal für den verantwortlichen Umgang mit anvertrauten Mitteln präsentiert werden. Tatsächlich ist es allerdings so, dass die Aufdeckung korrupten Verhaltens nicht immer zu Konsequenzen (persönlicher und organisatorischer Art) führt, weil gefürchtet wird, dies könne dem Ansehen der Organisation in der Öffentlichkeit schaden. In solchen Fällen werden ungerechte Machtstrukturen verfestigt. Korruption ist aber nicht nur eine moralische, sondern auch eine wirtschaftliche Frage: Jeder Euro, der der Korruption zum Opfer fällt, fehlt bei der Erreichung der Projektziele. 10. Abschnitt. Abschließend werden Vorschläge zur Korruptionsprävention gemacht. Die Arbeitsgruppe hält es für wichtig, Lösungen vor allem dort zu suchen, wo die Projektarbeit stattfindet, also im Süden. Nur eine Einbeziehung der Zielgruppe und eine weitgehende Transparenz der Projektdurchführung versprechen wirklich Abhilfe, weil die Zielgruppe am ehesten in der Lage ist, festzustellen, ob die mit dem Mitteleinsatz angestrebten Ziele erreicht werden. Darüber hinaus muss die Verwaltungs- und Aufsichtskompetenz beim einheimischen Partner überprüft und gegebenenfalls verbessert werden. Im Bereich der Nordkirchen müssen da, wo sie nicht hinreichend sind, die Verwaltungskompetenzen verbessert sowie die Aufsichtsgremien in ihrer Funktion gestärkt werden. Die Projektvereinbarungen zwischen Nord und Süd müssen Korruptionsklauseln enthalten, die nicht nur deklaratorischen Charakter haben, sondern konkrete Maßnahmen festschreiben. Die Einrichtung von Ombudsstellen ist wichtig, aber aufgrund der Internationalität der Arbeitsbeziehungen besonders schwierig; es muss darauf geachtet werden, dass diese Stellen unabhängig und von überallher erreichbar sind und selbständig Maßnahmen ergreifen können. Allen Organisationen wird empfohlen, interne Arbeitsgruppen zur Entwicklung von Anti-Korruptions- Strategien einzurichten und an Runden Tischen mit anderen Organisationen Erfahrungen auszutauschen. Dies kann auch im Rahmen von korporativer Mitgliedschaft bei Transparency International geschehen.
Note(s)
Topic
Type
Preprint
Date
2007-08
Identifier
ISBN
DOI
Copyright/License
With permission of the license/copyright holder